Sie hatte die Stelle fast bekommen. Drittes Gespräch, positives Feedback, konkrete nächste Schritte. Dann, in der Woche vor der finalen Runde, hatte sie eine schlapartige Antwort auf eine E-Mail geschrieben. Kurz, fast unhöflich. Die Stelle war weg.

„Es ist immer so", sagte sie in der Sitzung. „Wenn es gut läuft, passiert irgendetwas."

Wir hatten schon mehrfach über dieses Muster gesprochen. Die Beziehung, die sie nach vier Monaten beendet hatte, kurz bevor es wirklich eng geworden wäre. Das Projekt, das sie liegen ließ, als es anfing, Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Bewerbung, die sie versehentlich zu spät abschickte.

„Ich weiß selbst nicht, warum ich das tue", sagte sie.

Ich glaube ihr das. Wer sich sabotiert, tut es nicht absichtlich.

Selbstsabotage ist rätselhaft, weil sie dem Verstand widerspricht. Man will etwas, man arbeitet darauf hin, und dann, genau dann wenn es greifbar wird, macht man etwas, das alles zunichte macht. Warum?

Weil Erfolg manchmal gefährlicher ist als Scheitern.

Das klingt paradox. Aber es ist eine präzise Beschreibung dessen, was in einem Nervensystem passiert, das gelernt hat: Wenn es gut wird, folgt etwas Schlimmes. Enttäuschung. Verlust. Die Erwartung, die dann nicht mehr erfüllt wird. Wenn man scheitert, bevor man wirklich angefangen hat, kontrolliert man wenigstens, wann der Schmerz kommt.

Das ist nicht Schwäche. Das ist eine sehr alte Form von Intelligenz.

Selbstsabotage entsteht selten aus dem Nichts. Sie entsteht dort, wo jemand irgendwann gelernt hat, dass Hoffnung gefährlich ist. Dass Sichtbarkeit bestraft wird. Dass Nähe mit Schmerz endet. Das System hat daraus eine Strategie gemacht: Komm dem Scheitern zuvor. Dann überraschst du es.

Das Problem ist, dass diese Strategie nicht zwischen Situationen unterscheidet. Sie läuft immer, auch dann, wenn die Situation längst eine andere ist. Der Chef, der würdigt. Der Partner, der bleibt. Die Möglichkeit, die sich wirklich öffnet.

Das System weiß das nicht. Es kennt nur das alte Muster.

Was Selbstsabotage unterstützt und was ihr entgegenwirkt, ist oft enger mit dem inneren Kritiker verbunden, als man zunächst denkt: Was der innere Kritiker wirklich will.

Wenn du dieses Muster bei dir erkennst, meld dich: Gespräch buchen

In der Sitzung haben wir nicht versucht, das Muster wegzumachen. Wir haben versucht, es zu verstehen.

Was hatte sie damals gelernt? Wann war Hoffnung das erste Mal enttäuscht worden? Was hatte ihr System damals entschieden, um sich zu schützen?

Am Ende der Stunde sagte sie etwas, das mir geblieben ist: „Ich war damals nicht schwach. Ich wusste nur nicht, was ich sonst tun sollte."

Genau das.